Clara Viebig, ihr 1908 erschienener Roman „Das Kreuz im Venn“ und die Echternacher Springprozession stehen im Fokus eines rezenten Artikels, den Privatdozent Dr. med. Ferdinand Peter Moog, M.A., Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Uniklinik Köln, im Band 5 der „Schriften des Rheinischen Kreises der Medizinhistoriker“ veröffentlicht hat. Der Autor ist ein Freund Echternachs, den es alljährlich am Pfingstdienstag dorthin zur Springprozession zieht, die sehr zu seinem Bedauern letztes Jahr wegen Covid-19 nicht stattfinden konnte. Ob sie in diesem Jahr durchgeführt werden kann, ist derzeit noch ungewiss.

Hier der Artikel:

Ferdinand Peter MOOG, 2020. Echternach als Ort von Heil und Heilung – Zu Clara Viebigs „Das Kreuz im Venn“. In : Axel Karenberg & Mathias Schmidt (Hg.): Medizin- und Pharmaziegeschichte im Fokus : Beiträge des „Rheinischen Kreises der Medizinhistoriker“, S. 273-292 (Schriften des Rheinischen Kreises der Medizinhistoriker, Bd. 5).

Siehe auch:

WILHELM, Frank, 1991. Si Echternach m’était conté… (19): La romancière eifeloise Clara Viebig et la Procession dansante. In: Die Warte, 44 (1991), 15/1591 (16. Mai): 4. [Typoscript]

Ein Blick in die luxemburgische Presse 1908

Ein Blick in die luxemburgische Presse des Jahres 1908 zeigt, dass man in Echternach mit Spannung auf das Erscheinen des „Kreuz im Venn“ wartete. So hieß es in der Obermosel-Zeitung:

„Echternach. 17. Februar. Die bekannte aus Trier gebürtige Schriftstellerin Clara Viebig wird in einem neuen, noch ungedruckten Roman, betitelt Das Kreuz im Venn, eine Schilderung der Echternacher Springprozession geben. Man kann gespannt darauf sein, wie die durch ihre katholikenfeindliche Tendenz bekannte Schriftstellerin die Springprozession beurteilen wird.“
(Obermosel-Zeitung 1908-02-18, Erstes Blatt, S. 3).

Wie der Roman schließlich in Echternach wahrgenommen wurde, erhellt sich aus einer Zuschrift aus der Abteistadt im Oktober 1908 an die Zeitung L’Indépendance luxembourgeoise:

„Echternach. — La procession dansante. — On nous écrit : La célèbre romancière Clara Viebig, vient d’éditer chez Egon Fleischel et Cie à Berlin, un grand roman «Das Kreuz im Venn», qui présente un intérêt tout particulier pour les Luxembourgeois. Il y a en effet au centre de l’action une peinture très réaliste de la procession dansante d’Echternach. Avec beaucoup de verve, avec non moins d’exagération et non sans ironie mordante, l’écrivain fait mouvoir les masses de pèlerins qui prennent part au cortège «des saints dansants». Malheureusement elle ne voit que le côté laid et brutal de cette manifestation religieuse sans en pénétrer le sens profond et la poignante tristesse.“
(L’Indépendance luxembourgeoise 1908-10-15, p. 3).

Das Buch

Das Kreuz im Venn, 1908, 9. Auflage

Clara Viebig : Das Kreuz im Venn. Berlin 1908.

Echternach kommt in den Kapiteln sieben und acht vor. Im Fokus der Geschichte steht die junge Bäreb Huesgen aus dem fiktiven Eifeldorf Heckenbroich in der Gegend von Monschau, deren Familie in ärmlichen Verhältnissen lebt. „Der Vater arbeitet  über die Woche in einer Fabrik in Aachen. Die Mutter Elisabeth liegt die ganze Woche krank, schwach, anämisch und apathisch danieder. (…) Die Versorgung der Familie besorgen mehr schlecht als recht die achtzehnjährige Bäreb, die tagsüber auch noch in einer Fabrik arbeitet, und das zwölfjährige Kathrinchen,  das die Schule schwänzt und sich als Hirtin verdingt. Sorgenkind ist aber der siebenjährige Dores. Er hat einen riesigen Kopf, leidet unter Krämpfen, kann weder gehen noch stehen, kriecht eilfertig am Boden umher und verputzt allen Dreck auf der Erde. Er schreit beständig “Pä pä!”, wenn er nicht bei irgendwem auf dem Schoß sitzt. (Moog 2020)

Wallfahrten der Familie nach Mariawald haben nichts genutzt. Als letzte Hoffnung gilt die Echternacher Springprozession. Da die Mutter gesundheitlich verhindert ist erklärt sich Bäreb bereit, mit Dores nach Echternach zu pilgern. Mit dem Zug geht es in der überfüllten IV. Klasse nach Echternach. Dort  springt Bäreb mit Dores auf dem Arm.

Die Beschreibung der Wallfahrt und der Springprozession ist absolut beeindruckend.

Die geologische Sektion der Société des naturalistes luxembourgeois auf den Spuren von Clara Viebig

Im April 1911 unternahm die geologische Sektion der Société des naturalistes luxembourgeois einen mehrtätigen Ausflug ins Hohe Venn unter der Leitung des Geologen Michel Lucius. Der Weg führte auch nach Kalterherberg, der Vorlage für Viebigs Dorf Heckenbroich.

„Die Doppeltürme von Kalterherberg“, hieß es im Bericht von Lucius, „dienten als sicheres Orientierungszeichen und dem Dorfe vorgelagert erhob sich ein Massif Fichten, aus denen eine imposante Schiefermasse emporragte. Darauf ein mächtiges Kreuz, welches weit ins Venn hinausblickte. Hier blieben wir unwillkürlich stehen, denn es lag ja das Landschaftsbild vor uns, welches die Dichterin der Eifel, Clara Viebig, so meisterhaft gezeichnet hat in ihrem Buche : Das Kreuz im Venn.“
(LUCIUS, Michel, 1911. Im Hohen Venn und an der Urfttalsperre. Bericht über die Exkursion der geologischen Sektion vom 19.—21. April 1911. In: Bulletin de la Société des naturalistes luxembourgeois 21, p. 137-142.

Das Kreuz im Venn als Feuilleton

Im September 1912 verkündete die Zeitung Die neue Zeit, sie habe das „Meisterwerk der gefeierten Schriftstellerin Clara Viebig, das Kreuz im Venn“ erworben und werde es als Feuilleton zum Abdruck bringen.
(Die neue Zeit – Les temps nouveaux 1912-09-22, S. 1).

Der Roman erschien ab dem 6. Oktober 1912, die 77. und letzte Folge am 6. Juli 1913.

Clara Viebig in Echternach

Der Echternacher Professor Charles Becker (1881-1952), Professor im Echternacher Gymnasium,  stand als Literaturkritiker in einem freundschaftlichem Briefverkehr mit Clara Viebig, deren Werk er neben vielen deutschen auch in französischen Blättern wie Le Figaro, Le Temps, Revue bleue behandelte.

Es ist bekannt, dass Clara Viebig in Begleitung ihres Mannes “im Juli 1913” kurz bei der Familie Becker zu Besuch war (WILHELM, Frank, 1992. Der luxemburgische Literaturkritiker Charles Becker und die Eifelschriftstellerin Clara Viebig. In: Mélanges pour Albert Schneider. Publs Centre Univ. Luxemb., Germanistik, fasc. 3, S. 157).

Das genaue Datum dieses Besuches geht aus einer Pressenotiz hervor, die am 27. Juli 1913 in der luxemburgischen Zeitung Die neue Zeit veröffentlicht wurde:

„Echternach, 23. Juli. Gestern weilte Clara Viebig, die Verfasserin des Romans “das Kreuz im Venn”, als Gast des Herrn Professors Becker in unserer Stadt. Herr Becker hat sich um Clara Viebig sehr verdient gemacht durch verschiedene in französischen Zeitschriften erschienene Artikel über die berühmte Schriftstellerin und ihre Werke.“
(Die neue Zeit = Les temps nouveaux 1913-07-27, S. 3, Lokal-Neuigkeiten).

In einem Aufsatz über die Springprozession, den er für Pfingsten 1936 veröffentlichte, kam Becker auf Viebigs Darstellung der Prozession zurück:

„Dans un de ses romans les plus célèbres, Clara Viebig a consacré à ce pèlerinage un chapitre saisissant et calqué sur le vif. On passait la nuit à la belle étoile, sur les bords de la Sûre et le feu des bivouacs se mirait dans le glissement silencieux des eaux, ce qui ne manquait pas d’un grand charme romantique. Aujourd’hui les tentes des scouts ont succédé au campement des pèlerins et la voix monotone des prières est remplacée par les complaintes de la guitare ou de la mandoline.“
(Luxembourg – Journal du matin 1936-05-21, S. 7, La Procession Dansante. Charles Becker).

Im Jahr 1919 behandelte der luxemburgische Gymnasialprofessor Jean Goerend das Thema “Clara Viebig als Novellistin” in einer so genannten Programmschrift:

GOEREND, Jean, 1919. Clara Viebig als Novellistin. In: Ecole industrielle et commerciale d’Esch-sur-Alzette, Programme publié à la clôture de l’année scolaire 1918–1919. Esch-sur-Alzette, Impr. Origer: 1-35.

Jean Goerend (1889-1961) war Deutschlehrer, zuerst in Esch/Alzette, dann ab 1927 am Gymnasium von Echternach. Im Oktober 1934 wurde er in den Echternacher Stadtrat gewählt, dem er bis 1945 angehörte.

Pfingstdienstag 1922

Szenen wie aus Viebigs Roman werden im Bericht über die Springprozession des Jahres 1922, den das Luxemburger Wort am 8. Juni 1922 veröffentlicht, beschrieben:

„Eine Eiflerin tritt heran und fragt nach der Sakristei. Zu Fuß sei sie gekommen, zehn Stunden weit; ihren einjährigen Sohn habe sie mitgebracht. Er leide an Krämpfen. Sicherlich würde sie vom hl. Willibrord erhört werden; schon sei einer ihrer Familie in Echternach geheilt worden.“

„Eine Eiflerin mit einem Kopftuch trägt ein Kind in den Armen, gleich jener, deren Bittgang Clara Viebig beschrieben hat.“

(Luxemburger Wort 1922-06-08: 1, Pfingsttage in Echternach).

Der Bericht ist mit dem Kürzel -r. signiert, ein Kürzel, das möglicherweise dem Priester und Schriftsteller Wilhelm Weis (1894-1964) zugeordnet werden kann. Vgl.: SAHL, Nicole, 2018. Kleines ABC der Pseudonyme in Luxemburg. Centre national de littérature, Mersch, S. 151.

Die luxemburgische Presse und Clara Viebigs Geburtstag

Im Juli 1930 erinnerte das Escher Tageblatt in einer kleinen Notiz an den 70. Geburtstag der deutschen Autorin:

„Clara Viebig, die durch ihre Erzählungskunst weit über Deutschland hinaus bekannt wurde, feiert am 17. Juli ihren 70. Geburtstag. Ihre Romane, von denen «Einer Mutter Sohn», «Das Kreuz im Venn», «Die Passion» und vor allem ihr letztes Werk «Charlotte von Weiss» grosse Verbreitung fanden, zeichnen sich durch grosse Liebe zur Heimat und durch die Kunst der Charakterisierung aus.“
(Escher Tageblatt 1930-07-16, Frauenbeilage: Page de la femme, N° 28, S. 1).

Am 17. Juli 1950 oblag es dem Luxemburger Wort, auf den 90. Geburtstag der Autorin hinzuweisen: „Die in Westberlin lebende Dichterin Clara Viebig wird heute 90 Jahre alt; sie wurde 1897 mit ihrem ersten Roman ‘Kinder der Eifel’ überraschend bekannt.“
(Luxemburger Wort 1950-07-17, S. 2).

Danksagung

Mein Dank geht an meinen Kollegen und Freund Frank Wilhelm, der mir im April 1992 einen Sonderdruck seines Artikels über Clara Viebig und Charles Becker geschenkt hat und mir heuer freundlicherweise sein Typoscript des “Warte”-Artikels, die Reproduktion des Artikels von Jean Goerend sowie einige weitere Dokumente über Clara Viebig, die hier nicht verarbeitet werden konnten, zur Verfügung gestellt hat. Bedanken möchte ich mich auch bei Dr. Peter Moog für einen längeren und fruchtbaren telefonischen Gedankenaustausch.