In einem rezenten Zeitungsartikel war an einer Stelle zu lesen: “Die Cholera behinderte die Oktave 1832 – keine Prozessionen in die Stadt — und im Jubiläumsjahr 1866”. Die historischen Fakten widersprechen allerdings dieser Formulierung!

Ostern fiel 1832 auf den 22. April. Die Oktave erstreckte sich vom vierten bis zum fünften Sonntag nach Ostern, also vom 20. bis zum 27. Mai 1832. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine Cholera im Großherzogtum Luxemburg. Von Frankreich herkommend erreichte sie unser Land erst Ende Juni 1832, mit einem ersten Ausbruch in Düdelingen. Einige Tage später erreichte sie die Stadt Luxemburg. Vom 2. Juli bis zum 1. Oktober gab es dort 215 Todesopfer in der Zivilbevölkerung und 57 Tote in der preußischen Garnison. In den benachbarten Gemeinden Eich und Hollerich soll es insgesamt 117 Todesopfer gegeben haben. Acht Tote gab es in Remich und sieben in Düdelingen.

Eine Folge der belgischen Revolution

Dass es 1832 – wie übrigens auch bereits 1831 — ein Problem mit der Oktave gab, hatte also nichts mit der Cholera zu tun, sondern einzig und allein mit der damaligen durch die belgische Revolution von 1830 bedingten politischen Situation: einerseits die noch immer holländisch verwaltete Hauptstadt Luxemburg und andererseits das ab 1830 belgisch regierte übrige Großherzogtum.

In seinem 1920 veröffentlichten Buch „Heimatstätte U. L. Frau von Luxemburg“ hat der frühere Vikar an der Kathedrale und spätere Domherr Michel (Michael) Faltz (1887-1968) die religiösen Konsequenzen dieser Lage so geschildert: „Nur die Hauptstadt blieb König Wilhelm I. treu. Eine sehr verderbliche Rückwirkung auf die Andacht zur Trösterin der Betrübten war die Folge dieser Trennung. Erst besetzte der preußische General Dumoulin die Stadt. Dann erklärte er sie in Kriegszustand. Endlich verbot er jede öffentliche Prozession im innern Bering der Festungswerke. Dadurch wurde die öffentliche Huldigung der Einwohner wiederum in die Sankt-Peterskirche [oder Liebfrauenkirche, spätere Kathedrale] zurückgedrängt und die Schlußprozession unmöglich gemacht. Diese Maßregeln kränkten das Volk. Trotzdem blieben sie auch noch für die folgenden Jahre wenigstens für die auswärtigen Pilgergruppen in Kraft. Sie trugen nicht wenig dazu bei, das Landvolk von der althergebrachten Tradition abzubringen.“

Also, noch einmal: es war nicht die Cholera, die die Oktave 1832 behindert hat!

Die Jubiläumsoktave des Cholerajahres 1866

Keine Einschränkungen gab es für die Jubiläumsoktave des Cholerajahres 1866. Ende April 1866 schien die Choleraepidemie, die das Land seit Monaten im Würgegriff gehalten hatte, am Abklingen zu sein. Vielerorts war sie bereits verschwunden. Allerdings noch nicht in der Stadt Luxemburg, wo sie im Mai noch 56 Todesopfer forderte, im Juni aber nur noch vereinzelt auftrat.

Dies veranlasste die Gemeindeverwaltung der Stadt dazu, im Vorfeld der Oktave mitzuteilen, der Gesundheitszustand der Hauptstadt lasse nichts zu wünschen übrig. Den letzten Cholera-Todesfall auf dem Gebiet der Gemeinde Luxemburg habe es am 7. Juni gegeben, hieß es des Weiteren. Das 200jährige Jubiläum der Ernennung der Muttergottes als Schutzpatronin der Stadt Luxemburg und die damit verbundene Jubiläumsoktave konnten also uneingeschränkt gefeiert werden, und zwar vom Sonntag, den 24. Juni, bis zum Sonntag, den 2. Juli 1866. Die Jubiläumsoktave zog an den sechs Pilgertagen zwischen Eröffnungs- und Schlusssonntag über 50.000 Pilger aus allen Teilen des Landes in die Stadt, eine Rekordzahl! Zum feierlichen Pontifikalamt, das am Morgen des 2. Juli in der Liebfrauenkirche stattfand, strömten trotz des regnerischen Wetters ebenfalls tausende von Menschen. Auch bei der Schlussprozession, die am Nachmittag stattfand, war der Andrang groß. Eine genaue Zahl der Teilnehmer liegt nicht vor. Dass allein etwa 300 Priester dabei waren, lässt aber erahnen, wieviel frommes Volk sich hier versammelt hatte.Die Cholera hat die Oktave von 1866 also keineswegs behindert!

Nach der Oktave kam es in der Stadt Luxemburg zu einem Wiederaufflammen der Cholera, gerade so wie z. B. in Wiltz. Und in Teilen des Landes, die bisher eher verschont geblieben waren, insbesondere im Kanton Esch und in der Moselgegend, zu einem dramatischen Ausbruch der Seuche. Der Ettelbrücker Arzt Dr. Pierre Schmit (1806-1878) zog die sich aufdrängende Schlussfolgerung: „… à la suite des fêtes religieuses de Luxembourg, où les populations des localités infectées aussi bien que celles des autres se rendaient en pèlerinage durant 8 jours, le choléra se répandit de nouveau non-seulement dans les localités qu’il avait déjà quittées, mais pour ainsi dire sur tout le pays”.

Hätte man , so wie dies in der aktuellen Corona-Krise geschehen ist, auf die öffentliche Feier der Oktave verzichtet, so wäre dem Land manches Leid erspart geblieben!

Literatur zum Thema

• Faltz, M., 1920. Heimatstätte U. L. Frau von Luxemburg, einst und jetzt. 1.-3. Tausend. Selbstverlag, Luxemburg, 172 S.

• Hellinghausen, G., 2020. Gotteszeugnis von der Pest bis zu Corona. In ihrer langjährigen Geschichte hat die Muttergottes-Oktave schon zahlreiche Hindernisse überwunden. Luxemburger Wort 2020-05-02, S. 32.

• Luxemburger Wort 1866-07-06, S. 1-2 (Das Jubiläum).

• Massard, J.A., 1985-1986. Der Kanton Esch und die Cholera 1865/1866. Galerie 3 (1985), N° 1, S. 41-52; N° 2, S. 207-218; Galerie 4 (1986), N° 1, S. 41-58; N° 2, S. 225-242.

• Massard, J.A. & G. Geimer, 2000. Luxemburg und die Cholera 1832. Archives de l’Institut grand-ducal de Luxembourg, Section des sciences naturelles, physiques et mathématiques, NS 43, S. 161-173.

• Massard, J.A. & M. Merk-Lauterbour, 2018. Die Gemeinde Bettemburg in den Zeiten der Cholera. In: Beetebuerg am Laf vun der Zäit, Band VII. Geschichtsfrënn aus der Gemeng Beetebuerg, Beetebuerg, S. 74-105.

Anmerkung

Bei dem von Faltz erwähnten preußischen General Dumoulin handelt es um Friedrich Ferdinand Jakob (Jacobus) du Moulin (auch: Dumoulin) (1776 – 1845), der von 1815 bis 1842 Kommandant der Festung Luxemburg war. Siehe : Wikipedia.